bookmark_borderBuchbesprechung Muschalle: Studien zur Anthroposophie Bd.2

Buchbesprechung

Michael Muschalle: Studien
zur Anthroposophie Bd.2. Studien zur Erkenntnistheorie und Freiheitsphilosophie
Rudolf Steiners, Books on Demand GmbH, Norderstedt
2007

Noch in demselben
Jahr des Erscheinens seines ersten Bandes der Studien zur Anthroposophie, in dem
es um die Beobachtung des Denkens bei Rudolf Steiner geht, hat Michael Muschalle bereits einen zweiten Band aus seinem
umfangreichen, online veröffentlichten Werk (1) zusammengestellt unter dem Titel
„Studien zur Erkenntnistheorie und Freiheitsphilosophie Rudolf Steiners“. Wie im
ersten Band der Begriff der „Beobachtung des Denkens“ im Mittelpunkt steht, ist
es hier der des „intuitiven Denkens“. Von ihm sagt Muschalle, „dass
man Steiners Freiheitsbegriff nicht verstehen kann wenn man nicht weiß, was
das intuitive Denken ist“ (S.46), er bezeichnet ihn „als
Schlüsselbegriff, an dem das ganze Freiheitsverständnis der Philosophie der Freiheit letztlich hängt“ (S.43), „die Freiheit des
Handelns gründet in der Freiheit des intuitiven Denkens“ (S.186).
„Erkenntnistheorie und Freiheitsphilosophie bilden eine organisch
zusammengehörige Einheit. Die Freiheitsphilosophie wurzelt in einer
Erkenntnistheorie, die schon das Erkennen als freie schöpferische Tätigkeit des
Menschen begreift.“ (S. 191f)

 

Der Begriff des
intuitiven Denkens ist (ähnlich wie der der Beobachtung des Denkens) weitgehend
missverstanden worden, nämlich dahingehend, dass man es sich „als Fähigkeit erst
erwerben muß und das
außerhalb oder jenseits des gewöhnlichen oder philosophischen Denkens
anzusiedeln ist“ (S.149), so etwa bei „Prokofieff,
Kirn, Lowndes oder
da Veiga Greuel“ (S.42).
(2) (3)

 

Steiner hingegen
qualifiziert es vorrangig als erkennendes Denken, „dahingehend, dass durch
das intuitive Denken „eine jegliche Wahrnehmung in die
Wirklichkeit erkennend hineingestellt wird“, wie er im zweiten Zusatz von 1918
auf S. 255 [der Philosophie der Freiheit] ausführt. Und als ein im Sinne dieser
Erläuterung gekennzeichnetes erkennendes Denken wird es von jedem Denker
ausgeübt, der sich erkennend betätigt, ganz gleichgültig, ob dieser seinem
eigenen Denken schon Erkenntnisinteresse entgegengebracht hat oder
nicht.“(S.20) Muschalle drückt es
ganz drastisch aus: „Aber wenn ich darüber nachdenke, was eine vor mir liegende
Konservendose von einem Baumwollsocken unterscheidet, dann liegen dieser
erkennenden Unterscheidung Intuitionen zugrunde“ (S.30). „Die Erkenntnis eines ganz
gewöhnlichen sinnlichen Gegenstandes geschieht im Rückgriff auf eine geistige
Wirklichkeit, die im begrifflichen Inhalt verankert ist, den das Denken in der
Intuition ergreift.“ (S.30) „Wobei das Auftreten der Intuition noch nicht die
eigentliche Erkenntnis ist, sondern, wie er [Rudolf Steiner] sagt, lediglich
deren Voraussetzung auf der ideellen Seite.“ (S.
30)

 

„Diese
Vereinigung des intuitiv (durch Intuition) Gegebenen mit dem durch
die Wahrnehmung Gegebenen ist ein Akt der Freiheit, um noch einmal Steiners
Bemerkung aus Wahrheit und Wissenschaft ( […] S.84) aufzunehmen: „Denn wenn das
unmittelbar Gegebene und die dazugehörige Form des Denkens durch das Ich im Erkenntnisprozeß vereinigt werden, so kann die Vereinigung
der sonst immer getrennt im Bewusstsein verbleibenden zwei Elemente der
Wirklichkeit nur durch einen Akt der Freiheit geschehen.“ Dieser Freiheitsakt
findet folglich in jedem Erkenntnisprozeß statt. Ein Denken, das intuitiv (auf der Basis von Intuitionen) diesen
Erkenntnis- und Freiheitsakt vollzieht, nennt Steiner in der Philosophie der Freiheit ein intuitives Denken.“
(S.31)

 

In dem zweiten
Zusatz zur Neuausgabe 1918 zum Kapitel „Die Konsequenzen des Monismus“ der
Philosophie der Freiheit heißt
es:

 

„Denn, wenn
auch einerseits das intuitiv erlebte Denken ein im
Menschengeiste sich vollziehender tätiger Vorgang ist, so ist es andererseits zugleich eine geistige, ohne sinnliches
Organ erfasste Wahrnehmung. Es ist eine Wahrnehmung, in der der Wahrnehmende
selbst tätig ist, und es ist eine Selbstbetätigung, die zugleich wahrgenommen
wird.“

 

An dieser Stelle
spricht Steiner „nicht generell charakterisierend vom intuitiven Denken […], sondern in einem engeren Sinne
vom intuitiv erlebten Denken“ (S.21) Eine diesbezüglich mangelnde
Unterscheidung ist vielleicht einer der Gründe, dass der Begriff es intuitiven
Denkens so missverstanden
worden.

 

„Die Wahrnehmung
des begrifflichen Inhalts (als Resultat des tätigen Wahrnehmens oder
wahrnehmenden Tätigseins) findet bei jedem begrifflichen Denkvorgang statt. Die
Wahrnehmung der Selbstbetätigung (wahrgenommenes Tätigsein / Wahrnehmen des
Tätigseins) aber nur, wenn der Denker seine erlebende Aufmerksamkeit bewusst
auch auf die eigene denkerische Aktivität hinorientiert. Sonst wird sie einfach
übersehen, weil sie weiter nicht interessiert und somit unter der Schwelle des
Bewusstseins bleibt.“

 

Nach gründlich
erfolgter Klärung des Begriffs des intuitiven Denkens setzt sich Muschalle mit nicht-anthroposophischer Forschung zu
diesem Begriff auseinander und stellt ihn in sein geistesgeschichtliches
Umfeld.

Ihm gelingt es, eine Entwicklungslinie von Kant über Goethe
zu Steiner aufzuzeigen: Steiners Begriff der intellektuellen Anschauung in Wahrheit
und Wissenschaft
, in der Zweitauflage der Philosophie der Freiheit als
intuitives Denken bezeichnet, steht im Zusammenhang mit Kants Begriff der
intellektuellen Anschauung (von Kant auch anschauender oder intuitiver Verstand
genannt) und Goethes Begriff der anschauenden Urteilskraft. Während Kant einen
sinnlichkeitsfreien Vernunftsgebrauch, eine spontane Rezeptivität nur einem
göttlichen Wesen zukommen lässt, das Wesen der Welt auf dem Gebiet der
Erkenntnis dem Menschen verschlossen bleibt, weist Steiner anknüpfend an
Goethes Begriff der anschauenden Urteilskraft nach, dass wir bei jeder Erkenntnis
schon immer Übersinnliches anschauen, Übersinnliches produktiv wahrnehmen,
somit bei jeder Erkenntnis Geistig-Wirkliches durch Intuition gegeben ist, dass
das erkennende Denken intuitives Denken ist.

Auswirkungen
von Steiners Erkenntniswissenschaft und Freiheitsphilosophie auf das
physikalische Weltbild untersucht Muschalle in dem abschließenden
Kapitel “Kausalität des Denkens”. Es kommt neben dem Physiker Roger
Penrose auch der Philosoph Peter Bieri zur Sprache und der aus der
analytischen Philosophie stammende Begriff der “mentalen Kausalität”.
Die Passage aus dem 9.ten Kapitel der Philosophie der Freiheit, in der
Steiner von der Zurückdrängung der Leibesorganisation durch das Denken
spricht, faßt Muschalle in dem Satz zusammen: “Der Geist wirkt direkt
kausal auf die physiologischen Vorgänge und zwingt sie zum Rückzug.”
(S.346) Ich meine, daß dieser Satz Steiners Anliegen nicht gerecht
wird. (4) Die menschliche Organisation wird durch das Denken nicht
gezwungen, sondern sie (selbst) weicht zurück, wenn die Tätigkeit des
Denkens auftritt, sie (selbst) hebt ihre eigenen Tätigkeit auf, macht
einen Platz frei. (S.346) Zwingen und zurückdrängen sind zweierlei und
wenn man die Aussage Steiners hinzunimmt, daß dort, wo das Denken
auftritt, “Materie sich selbst vernichtet” (S.347), kann man eine
Ahnung davon bekommen, welche Opfer der Geist als Materie dort
vollzieht. Das hat mit Zwang nichts zu tun, eine solche Annahme leistet
nur zusätzlich einem Dualismus Vorschub.




 

Ein dritter Band
der Studien zur Anthroposophie mit dem Thema „Anthroposophie im Spannungsfeld
zwischen Erkenntnistheorie und introspektiver Psychologie“ ist bereits
angekündigt. Man kann gespannt
sein.

 

 

 

(2) Ein solches
Missverständnis liegt auch bei Michael Rist in seinem Leserbrief „Unberechtigte
Kritik“ zu meiner Buchbesprechung des 1. Bandes der Studien zur Anthroposophie
vor.(Das Goetheanum Nr. 14,
2008)

 

(3) Wer das
intuitive Denken als vorkommend im gewöhnlichen Erkennen leugnet, leugnet
zugleich eine Verbindung zur geistigen Welt, die uns geblieben ist auf unserem
Abstieg aus der geistigen Welt, eine Verbindung, die unsere Freiheit nicht
gefährdet und die einen Anknüpfungspunkt für einen Wiederaufstieg
darstellt.

(4)
Die Art des Auftretens, die dem Geist hier zugeschrieben wird, erinnert
an Kants “Nötigung der Natur durch den bestallten Richter Vernunft”
(Kritik der reinen Vernunft, Vorrede zur 2.ten Auflage)