Muschalle: Studien zur Anthroposophie Bd.2



15.09.2008

Buchbesprechung

Michael Muschalle: Studien zur Anthroposophie Bd.2. Studien zur Erkenntnistheorie und Freiheitsphilosophie Rudolf Steiners, Books on Demand GmbH, Norderstedt 2007

Noch in demselben Jahr des Erscheinens seines ersten Bandes der Studien zur Anthroposophie, in dem es um die Beobachtung des Denkens bei Rudolf Steiner geht, hat Michael Muschalle bereits einen zweiten Band aus seinem umfangreichen, online veröffentlichten Werk (1) zusammengestellt unter dem Titel „Studien zur Erkenntnistheorie und Freiheitsphilosophie Rudolf Steiners“. Wie im ersten Band der Begriff der „Beobachtung des Denkens“ im Mittelpunkt steht, ist es hier der des „intuitiven Denkens“. Von ihm sagt Muschalle, „dass man Steiners Freiheitsbegriff nicht verstehen kann wenn man nicht weiß, was das intuitive Denken ist“ (S.46), er bezeichnet ihn „als Schlüsselbegriff, an dem das ganze Freiheitsverständnis der Philosophie der Freiheit letztlich hängt“ (S.43), „die Freiheit des Handelns gründet in der Freiheit des intuitiven Denkens“ (S.186). „Erkenntnistheorie und Freiheitsphilosophie bilden eine organisch zusammengehörige Einheit. Die Freiheitsphilosophie wurzelt in einer Erkenntnistheorie, die schon das Erkennen als freie schöpferische Tätigkeit des Menschen begreift.“ (S. 191f)

 

Der Begriff des intuitiven Denkens ist (ähnlich wie der der Beobachtung des Denkens) weitgehend missverstanden worden, nämlich dahingehend, dass man es sich „als Fähigkeit erst erwerben muß und das außerhalb oder jenseits des gewöhnlichen oder philosophischen Denkens anzusiedeln ist“ (S.149), so etwa bei „Prokofieff, Kirn, Lowndes oder da Veiga Greuel“ (S.42). (2) (3)

 

Steiner hingegen qualifiziert es vorrangig als erkennendes Denken, „dahingehend, dass durch das intuitive Denken „eine jegliche Wahrnehmung in die Wirklichkeit erkennend hineingestellt wird“, wie er im zweiten Zusatz von 1918 auf S. 255 [der Philosophie der Freiheit] ausführt. Und als ein im Sinne dieser Erläuterung gekennzeichnetes erkennendes Denken wird es von jedem Denker ausgeübt, der sich erkennend betätigt, ganz gleichgültig, ob dieser seinem eigenen Denken schon Erkenntnisinteresse entgegengebracht hat oder nicht.“(S.20) Muschalle drückt es ganz drastisch aus: „Aber wenn ich darüber nachdenke, was eine vor mir liegende Konservendose von einem Baumwollsocken unterscheidet, dann liegen dieser erkennenden Unterscheidung Intuitionen zugrunde“ (S.30). „Die Erkenntnis eines ganz gewöhnlichen sinnlichen Gegenstandes geschieht im Rückgriff auf eine geistige Wirklichkeit, die im begrifflichen Inhalt verankert ist, den das Denken in der Intuition ergreift.“ (S.30) „Wobei das Auftreten der Intuition noch nicht die eigentliche Erkenntnis ist, sondern, wie er [Rudolf Steiner] sagt, lediglich deren Voraussetzung auf der ideellen Seite.“ (S. 30)

 

„Diese Vereinigung des intuitiv (durch Intuition) Gegebenen mit dem durch die Wahrnehmung Gegebenen ist ein Akt der Freiheit, um noch einmal Steiners Bemerkung aus Wahrheit und Wissenschaft ( […] S.84) aufzunehmen: „Denn wenn das unmittelbar Gegebene und die dazugehörige Form des Denkens durch das Ich im Erkenntnisprozeß vereinigt werden, so kann die Vereinigung der sonst immer getrennt im Bewusstsein verbleibenden zwei Elemente der Wirklichkeit nur durch einen Akt der Freiheit geschehen.“ Dieser Freiheitsakt findet folglich in jedem Erkenntnisprozeß statt. Ein Denken, das intuitiv (auf der Basis von Intuitionen) diesen Erkenntnis- und Freiheitsakt vollzieht, nennt Steiner in der Philosophie der Freiheit ein intuitives Denken.“ (S.31)

 

In dem zweiten Zusatz zur Neuausgabe 1918 zum Kapitel „Die Konsequenzen des Monismus“ der Philosophie der Freiheit heißt es:

 

„Denn, wenn auch einerseits das intuitiv erlebte Denken ein im Menschengeiste sich vollziehender tätiger Vorgang ist, so ist es andererseits zugleich eine geistige, ohne sinnliches Organ erfasste Wahrnehmung. Es ist eine Wahrnehmung, in der der Wahrnehmende selbst tätig ist, und es ist eine Selbstbetätigung, die zugleich wahrgenommen wird.“

 

An dieser Stelle spricht Steiner „nicht generell charakterisierend vom intuitiven Denken […], sondern in einem engeren Sinne vom intuitiv erlebten Denken“ (S.21) Eine diesbezüglich mangelnde Unterscheidung ist vielleicht einer der Gründe, dass der Begriff es intuitiven Denkens so missverstanden worden.

 

„Die Wahrnehmung des begrifflichen Inhalts (als Resultat des tätigen Wahrnehmens oder wahrnehmenden Tätigseins) findet bei jedem begrifflichen Denkvorgang statt. Die Wahrnehmung der Selbstbetätigung (wahrgenommenes Tätigsein / Wahrnehmen des Tätigseins) aber nur, wenn der Denker seine erlebende Aufmerksamkeit bewusst auch auf die eigene denkerische Aktivität hinorientiert. Sonst wird sie einfach übersehen, weil sie weiter nicht interessiert und somit unter der Schwelle des Bewusstseins bleibt.“

 

Nach gründlich erfolgter Klärung des Begriffs des intuitiven Denkens setzt sich Muschalle mit nicht-anthroposophischer Forschung zu diesem Begriff auseinander und stellt ihn in sein geistesgeschichtliches Umfeld.

Ihm gelingt es, eine Entwicklungslinie von Kant über Goethe zu Steiner aufzuzeigen: Steiners Begriff der intellektuellen Anschauung in Wahrheit und Wissenschaft, in der Zweitauflage der Philosophie der Freiheit als intuitives Denken bezeichnet, steht im Zusammenhang mit Kants Begriff der intellektuellen Anschauung (von Kant auch anschauender oder intuitiver Verstand genannt) und Goethes Begriff der anschauenden Urteilskraft. Während Kant einen sinnlichkeitsfreien Vernunftsgebrauch, eine spontane Rezeptivität nur einem göttlichen Wesen zukommen lässt, das Wesen der Welt auf dem Gebiet der Erkenntnis dem Menschen verschlossen bleibt, weist Steiner anknüpfend an Goethes Begriff der anschauenden Urteilskraft nach, dass wir bei jeder Erkenntnis schon immer Übersinnliches anschauen, Übersinnliches produktiv wahrnehmen, somit bei jeder Erkenntnis Geistig-Wirkliches durch Intuition gegeben ist, dass das erkennende Denken intuitives Denken ist.


Auswirkungen von Steiners Erkenntniswissenschaft und Freiheitsphilosophie auf das physikalische Weltbild untersucht Muschalle in dem abschließenden Kapitel "Kausalität des Denkens". Es kommt neben dem Physiker Roger Penrose auch der Philosoph Peter Bieri zur Sprache und der aus der analytischen Philosophie stammende Begriff der "mentalen Kausalität". Die Passage aus dem 9.ten Kapitel der Philosophie der Freiheit, in der Steiner von der Zurückdrängung der Leibesorganisation durch das Denken spricht, faßt Muschalle in dem Satz zusammen: "Der Geist wirkt direkt kausal auf die physiologischen Vorgänge und zwingt sie zum Rückzug." (S.346) Ich meine, daß dieser Satz Steiners Anliegen nicht gerecht wird. (4) Die menschliche Organisation wird durch das Denken nicht gezwungen, sondern sie (selbst) weicht zurück, wenn die Tätigkeit des Denkens auftritt, sie (selbst) hebt ihre eigenen Tätigkeit auf, macht einen Platz frei. (S.346) Zwingen und zurückdrängen sind zweierlei und wenn man die Aussage Steiners hinzunimmt, daß dort, wo das Denken auftritt, "Materie sich selbst vernichtet" (S.347), kann man eine Ahnung davon bekommen, welche Opfer der Geist als Materie dort vollzieht. Das hat mit Zwang nichts zu tun, eine solche Annahme leistet nur zusätzlich einem Dualismus Vorschub.



 

Ein dritter Band der Studien zur Anthroposophie mit dem Thema „Anthroposophie im Spannungsfeld zwischen Erkenntnistheorie und introspektiver Psychologie“ ist bereits angekündigt. Man kann gespannt sein.

 

 

 

(2) Ein solches Missverständnis liegt auch bei Michael Rist in seinem Leserbrief „Unberechtigte Kritik“ zu meiner Buchbesprechung des 1. Bandes der Studien zur Anthroposophie vor.(Das Goetheanum Nr. 14, 2008)

 

(3) Wer das intuitive Denken als vorkommend im gewöhnlichen Erkennen leugnet, leugnet zugleich eine Verbindung zur geistigen Welt, die uns geblieben ist auf unserem Abstieg aus der geistigen Welt, eine Verbindung, die unsere Freiheit nicht gefährdet und die einen Anknüpfungspunkt für einen Wiederaufstieg darstellt.


(4) Die Art des Auftretens, die dem Geist hier zugeschrieben wird, erinnert an Kants "Nötigung der Natur durch den bestallten Richter Vernunft" (Kritik der reinen Vernunft, Vorrede zur 2.ten Auflage)

 




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