Denken und geistiges Erleben

(veröffentlicht in "Das Goetheanum" Nr.14, 2006)

Steffen Hartmann macht in seiner Antwort zu einem Aufsatz von Jostein
Saether (Goetheanum Nr.4/ 2006 (Saether) und Goetheanum Nr.12/ 2006
(Hartmann)) darauf aufmerksam, dass bei Saether keine
Erkenntnisausrichtung in Bezug auf seinen Zugang zum Schutzengel
formuliert wird und es dort primär um ein geistiges Erleben geht. Er
weist auf die Bedeutung einer Unterscheidung von geistigem Erleben und
geistiger Erkenntnis hin. Die Frage ist, ob er selber in der Lage ist,
diese Unterscheidung zu treffen. Hartmann schreibt, dass wir das Denken
restlos selbst hervorbringen. „Insofern wissen wir beim Denken von
Anfang an, wie es zustande kommt. Dies unterscheidet das Denken von
allen anderen Bewußtseinsinhalten, auch von geistigen Erlebnissen.“ Für
Hartmann ist somit Denken kein geistiges Erlebnis. (1) Dies widerspricht
aber der erfahrungswissenschaftlich orientierten Erkenntniswissenschaft
Rudolf Steiners, die gerade auf unseren (geistigen) Denkerlebnissen
aufbaut. „Ich kann mein gegenwärtiges Denken nie beobachten; sondern nur
die Erfahrungen, die ich über meinen Denkprozeß gemacht habe, kann ich
nachher zum Objekt des Denkens machen.“ (2) „Die Erfahrungen, die ich
über meinen Denkprozeß gemacht habe“ sind gerade die in Rede stehenden
(geistigen) Denkerlebnisse, die Beobachtung des Denkens ist das
(geistige) Erkennen. Leider ist die Annahme, dass ich mein gegenwärtiges
Denken nicht erleben kann, durch das Werk von Herbert Witzenmann zum
„anthroposophischen Allgemeinwissen“ geworden. (3) Steiner hingegen
schließt in dem angeführten Satz nur die aktuale Beobachtung (geistige
Erkenntnis) des Denkens aus, nicht das (geistige) Erleben des Denkens,
im Gegenteil, dies ist gerade die Grundlage für unser Erkennen. Ohne
Rückgang auf Denkerlebnisse hängt aber die Beurteilung des Aufsatzes von
Saether in der Luft. Eine Beurteilung von Saethers Veröffentlichungen im
Hinblick auf einen übergeordneten Gesichtspunkt ist Irene Diet gelungen.
(4) Sie zeigt „das Dilemma der heutigen Anthroposophen“ auf, indem sie
auf zwei große Tendenzen in der „anthroposophischen Szene“ hinweist
unter der Überschrift „zwischen Intellektualismus und spiritueller
Willkür“. Es gelingt ihr, durch an den Texten von Saether gewonnenen
Denkerlebnissen (nicht durch Argumentation) zu Erkenntnissen von diesen
zu kommen.




(1) Dies geht auch klar aus zwei Aufsätzen von Hartmann hervor, die
Wolf-Ulrich Klünker als Arbeitsgrundlage zu einer Tagung im August 1999
in der Göhrde verteilt hat, zum Thema „Die Beobachtung des Denkens“ und
„Über den Begriff der Denktätigkeit“. Statt sich beobachtend auf
vergangene Denkerlebnisse zu richten, spricht Hartmann dort von
Beobachtung eigener Denkakte.



(2) Rudolf Steiner: Die Philosophie der Freiheit (GA 4), 3. Kapitel



(3) Michael Muschalle hat in seinem online veröffentlichen Werk diesen
Fehler Witzenmanns klar aufgedeckt (. Der Bezug Hartmanns zu Witzenmann
ist nicht zu übersehen, auch in den unter (1) genannten Aufsätzen, wenn
er etwa von Entzeitigung spricht und Beobachtung eigener Denkakte. Zu
letzterem ist erhellend der Aufsatz von Muschalle „Wie denkt man einen
Denkakt“.



(4) Irene Diet: Gefangenschaft der Geistesleere, 2., durchgesehene
Aufl. Dübendorf/CH: Ignis-Verlag, 2003



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